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04.02.2004
 
Sonder-Newsletter Nr. 9
 
Roulette, Gesundheit und Menschenw├╝rde

Ein Kommentar zur gesetzlichen Situation zur Bioethik in Deutschland
von Professor Gerhard Leyendecker, Darmstadt

Im Jahr 2002 wurden in Deutschland etwa 90000 Behandlungen der k├╝nstlichen Befruchtung bei etwa 53000 Frauen oder Paaren durchgef├╝hrt. In den letzten zehn Jahren addierte sich die Zahl behandelter Paare auf ca 500.000. Mittlerweile leben in Deutschland mehr Kinder nach k├╝nstlicher Befruchtung als manche Gro├čstadt Einwohner z├Ąhlt. Der Prozentsatz der durch k├╝nstliche Befruchtung geborener Kinder wird auf 3% pro Jahr gesch├Ątzt. Fasst man die Menschen zusammen, die als betroffene Paare, als Eltern, Gro├čeltern oder informierte und mitf├╝hlende Freunde mit der k├╝nstlichen Befruchtung in Ber├╝hrung kamen, so geht diese Zahl mittlerweile in die Million. Still und leise hat sich in Deutschland ein Einstellungswandel vollzogen ÔÇô zumindest erkennbar an der wachsenden Zahl derjenigen, die diese medizinische Hilfe und damit diesen Zivilisationsgewinn f├╝r sich in Anspruch nehmen. Und nicht wenige dieser Menschen wissen auf Grund eigener Erfahrung, da├č die gesetzliche Situation zur Bioethik in Deutschland z. T. menschenfeindlich ist und gegen die Menschenw├╝rde verst├Â├čt.

Undenkbar w├Ąre es wohl, dass ein Jan Ross heute im Feuilleton der FAZ unter der ├ťberschrift "Sex im Glas" erneut seine Meinung kundtun k├Ânnte, dass der eigentliche "Sexskandal" in der englischen Boulevardpresse nicht das Enth├╝llen des Privatlebens der englischen Politiker sondern das ÔÇô wie kann man nur - positive Berichten ├╝ber die Erfolge der Reproduktionsmedizin sei. Auch wird sich jener protestantische Kirchenf├╝rst nicht ohne ein gewisses Schamgef├╝hl an die damalige Politik-Talkshow erinnern, in der er zum Besten gab, dass der eigentliche Sinn der Reproduktionsmedizin die Gewinnmaximierung derjenigen sei, die sie betreiben. Nicht wenige jener Moderatorinnen, die wieder und wieder in Talkshows erfolglos behandelte Frauen mehr zur Quotensteigerung als zur Abschreckung pr├Ąsentierten, haben sich am Ende ihrer eigenen reproduktiven Phase noch schnell einer solchen Behandlung unterzogen. Eine zur FAZ-Gruppe geh├Ârende ├ärztezeitung mokierte sich dar├╝ber, dass einem der beiden Begr├╝nder der k├╝nstlichen Befruchtung, Professor R.G. Edwards, der K├Ânig-Feisal-Preis f├╝r seine bahnbrechende Leistung verliehen wurde (der Nobel-Preis wird nur f├╝r Leistungen in der theoretischen Medizin vergeben).

Es war dies jedoch das Klima, welches mit dazu beitrug, dass einmalig in der zivilisierten Welt mit Ausnahme der Schweiz (die sich dem deutschen Vorgehen anschloss) ein Gesetz, n├Ąmlich das Embryonenschutzgesetz, geschaffen wurde, welches eine Art "Roulettespiel" in die ├Ąrztliche Behandlung einf├╝hrt. Die Folge sind verringerter Gesundheitsschutz f├╝r Mutter und Kind und gro├čes Leid durch Misserfolg der Behandlung, vermeidbar h├Ąufige Behandlungsversuche, vermeidbare Mehrlingsschwangerschaften mit vorzeitiger Wehent├Ątig und h├Ąufig viel zu fr├╝h geborenen Kindern, die manchmal nicht ├╝berleben oder f├╝r immer gesch├Ądigt bleiben.

Ursache dieses Roulettespiels und damit des gesundheitspolitischen und ethischen Skandals ist die gesetzliche Bestimmung, dass im Reagenzglas nur so viele Embryonen erzeugt werden d├╝rfen, wie in dem selben Behandlungszyklus in die Geb├Ąrmutter ├╝bertragen werden sollen (maximal drei), folglich die Entscheidung f├╝r die Auswahl zur Generierung von Embryonen im Stadium der Eizelle getroffen werden mu├č, aber nur etwa jede sechste durch hormonelle Stimulation gewonnene Eizelle ├╝berhaupt die Chance f├╝r eine Schwangerschaft birgt, ihr dies jedoch unter dem Mikroskop nicht angesehen werden kann. Es ist daher ab einem sehr fr├╝hen Behandlungsstadium nicht dem medizinischen K├Ânnen sondern weitgehend dem Zufall ├╝berlassen, ob eine Einlings- oder Mehrlingsschwangerschaft, eine Fehlgeburt oder auch gar keine Schwangerschaft resultiert. Dieser Zufall f├╝hrt zu einer Schwangerschaftsrate von ca 25% pro Behandlungszyklus und einer ebenso hohen Rate von risikoreichen Zwillingsschwangerschaften. Beides liegt weit unter bzw. ├╝ber dem medizinisch erreichbaren und akzeptablen Niveau.

Das zivilisierte westliche Ausland unter Einschluss von ├ľsterreich zeigt die pragmatische, medizinisch sinnvolle und gleichzeitig humane Alternative: Die Auswahl der Embryonen erfolgt am dritten Tag oder besser noch am f├╝nften Tag der Kultur. Die meisten Embryonen (ca 70%) erleiden bis dahin im Reagenzglas das gleiche Schicksal, welches ihnen auch unter nat├╝rlichen Bedingungen widerfahren w├Ąre: Sie erreichen nicht das Bl├Ąschenstadium als notwendige Voraussetzung f├╝r eine erfolgreiche Einnistung. Von den wenigen zeitgerecht entwickelten Embryonen wird nur einer und zwar derjenige in die Geb├Ąrmutter gesp├╝lt, der ÔÇô lichtmikroskopisch erkennbar die gr├Â├čtm├Âgliche Chance einer Schwangerschaft bietet. Dies ist keine Selektion sondern eine Verbesserung der Chance, das eigentliche Ziel der Therapie, n├Ąmlich eine intakte Einlingschwangerschaft zu erzielen. Die Schwangerschaftsrate betr├Ągt 40-50% bei praktisch kompletter Vermeidung von Zwillingsschwangerschaften. In der Regel bleiben bei diesem Vorgehen nach den Erfahrungen im Ausland ein bis zwei Embryonen ├╝brig, die auch zu einer Schwangerschaft h├Ątten f├╝hren k├Ânnen. Auf Wunsch des Ehepaares werden sie f├╝r einen eventuell erforderlichen weiteren Behandlungsversuch oder f├╝r eine weitere Schwangerschaft eingefroren oder aber verworfen. Bernhard Schlink hat in einer Argumentationskette auf den Opfercharakter dieses Verwerfens hingewiesen, ein Opfer f├╝r das Wohlergehen der Frau, der Schwangerschaft und des sp├Ąteren Kindes. Der Begriff "Opfer" ist in unserer Gesellschaft mit einem gewissen Angstgef├╝hl verbunden aber grunds├Ątzlich positiv besetzt, und in der Tat werden mindestens seit der Jungsteinzeit (Abraham und Isaak) bis heute, wie Schlink darlegt, zuweilen extreme Opfer unter bestimmten Umst├Ąnden von Mitgliedern der Gesellschaft erwartet ("Kinder und Frauen zuerst"). Die moralische Rigorosit├Ąt, hierin eine Verletzung der "Menschenw├╝rde" des Embryos im Reagenzglas zu sehen, ist geradezu unanst├Ąndig angesichts der Haltung zur "Menschenw├╝rde" des Embryos im Mutterleib. Ebenso unanst├Ąndig ist es, mit dem Argument der Verfehlung der "V├Ąter" (J├╝rgen Busche) vor 60 Jahren heute Menschen vermehrtem Leid auszusetzen. Dies f├╝hrt im Ausland zu einer gewissen Fassungslosigkeit, weil wieder einmal auf Seiten der F├╝hrungselite zu sehr in Extremen gedacht wird. Der Missbrauch des Embryos kann auch ohne Vernachl├Ąssigung des Gesundheitsschutzes von Mutter und Kind verhindert werden, wie die pragmatische Entwicklung der Bioethik im Ausland zeigt.

Der unverkennbar gegenw├Ąrtig unternommene politische Versuch, Deutschland im Bereich der Bioethik auf das westliche zivilisatorische Niveau anzuheben, erzeugt gleichwohl ein gewisses Unbehagen. Dies liegt nicht so sehr an der an sich begr├╝├čenswerten Tatsache als solcher sondern vielmehr an der verwendeten Argumentation. Offenbar glaubt man, eine Lockerung der bioethischen Rigidit├Ąt nur ├╝ber die Angsteinfl├Âssung, indem n├Ąmlich durch Verzicht auf die embryonale Stammzellforschung der wissenschaftliche Anschlu├č an das Ausland verloren ginge und wichtige Heilverfahren, z.B. gegen Parkinson oder Herzversagen nicht in Deutschland entwickelt w├╝rden. Letzteres appelliert an die m├Âgliche Angst der meist schon ├Ąlteren Entscheidungstr├Ąger, ihnen k├Ânnte im Falle einer eigenen Erkrankung eine dann notwendige Therapie nicht zur Verf├╝gung stehen. Die aber bereits jetzt schon bestehende Not der M├╝tter und das Leid der Kinder durch ein medizinisches Lotteriespiel reichen als Argument in unserer Gesellschaft nicht aus ÔÇô offenbar kommt sie den Ignoranten und "Moralaposteln" in Politik, Kirche und Feuilleton erst gar nicht in den Sinn. Nebenbei: Eine ├änderung des Embryonenschutzgesetzes, wie oben dargelegt, w├╝rde mehr Kosten einsparen als die h├Ąlftige finanzielle Belastung der Kinderwunschpaare durch die neue Gesetzgebung im Gesundheitswesen und gleichzeitig zu mehr Kindern f├╝hren. Unter vielen Aspekten ist Deutschland eben ein mental bis auf die Knochen kinder- und familienfeindliches Land.

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Gerhard Leyendecker